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Seit 100 Jahren plant, baut und betreibt die NHW erfolgreich Siedlungen in ganz Hessen. Doch damit das soziale Miteinander der Bewohnerinnen und Bewohner auf Dauer klappt, ist auch bürgerliches Engagement gefragt. Zwei Nachbarschaftsinitiativen in den Frankfurter Stadtteilen Unterliederbach und Sossenheim zeigen seit vielen Jahren, wie das gehen kann.

Von außen ist der Flachbau im Alemannenweg 88 eher unscheinbar. Dennoch kennen ihn fast alle Mieterinnen und Mieter im Quartier, denn der Bewohnertreff, der dort seinen Sitz hat, ist eine Institution. Vor 16 Jahren hatte die Nassauische Heimstätte (NH), der ein Großteil des Wohnungsbestands in Unterliedbach-Ost gehört, das ehemalige Gärtnergebäude dem Nachbarschaftsverein Unterliederbach überlassen. Seitdem wird es vielfältig genutzt: als Krabbelstube, Seniorentreff, äthiopische Schule, aber auch für Versammlungen, Nähkurse, Sommerfeste und vieles mehr. Zudem ist der für das Quartier zuständige Hausmeister der NH dort untergebracht. In den 16 Jahren seines Bestehens hat der Verein zahlreiche Projekte und Initiativen auf den Weg gebracht. Manche wurden sogar mit dem Nachbarschaftspreis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet.

Fest verwurzelt im Stadtteil

Genauso wie den Verein kennt fast jeder im Viertel dessen Vorsitzenden Oliver Göbel. Der selbstständige Raumausstatter ist im Stadtteil fest verwurzelt. „Ich bin in Unterliederbach geboren und jetzt 32 Jahre Mieter der NH. Auch meine Kinder, Enkel und Freunde leben hier“, sagt der 55-Jährige. Der Nachbarschaftsverein, den er mitgegründet hat und leitet, wurde im Rahmen des Bund-Länder-Programms Soziale Stadt ins Leben gerufen. Auch die Siedlung Engelsruh, in der Göbel wohnt, war in das Programm eingebunden. Zudem ist er zweiter Vorsitzender im Vereinsring Unterliederbach und Sozialbezirksvorsteher des Stadtteils. „Man brauchte damals eine zentrale Anlaufstelle, wo die Bewohner andocken können und es Angebote für sie gibt“, macht er deutlich. „Die Wahl fiel dann auf den leerstehenden Flachbau der NH. Die Idee, das Gebäude in einen Stadtteiltreff umzubauen, kam von den Anwohnerinnen und Anwohnern.“

Gute Chemie zwischen NH und Nachbarschaftsverein

Von Anfang an unterstützte die NH das ambitionierte Projekt. So überließ sie den Anwohnern das Häuschen für eine geringe Miete, bis heute beteiligt sie sich finanziell an den vielfältigen Angeboten des Vereins. „Die Chemie zwischen uns und der NH war immer sehr gut“, bestätigt Göbel. „Das hat auch Vorteile für die Wohnungsgesellschaft. Wenn sie im Stadtteil neu bauen möchte oder es Fragen zur Betriebskostenabrechnung gibt, sind wir zur Stelle und informieren die Mieterinnen und Mieter.“ Doch es gäbe auch Herausforderungen zu meistern, denn Unterliederbach gehört zu den am stärksten wachsenden Stadtteilen in Frankfurt. „Durch die Verdichtung und wachsende Zahl an Bewohnerinnen und Bewohnern fehlen Schul- und Kitaplätze, aber schlicht auch Parkplätze“, verdeutlicht Göbel. Um neue Mietende und alteingesessene zusammenzubringen, ist der Bewohnertreff stets zur Stelle, sei es mit einem Sommerfest oder einem Malkurs. „Wir schaffen Gelegenheiten sich kennenzulernen und auszutauschen“, betont er. „Ohne den Verein wäre das für viele schwieriger.“

Neuestes Projekt des Nachbarschaftsvereins ist ein Tauschhaus, das noch in diesem Frühjahr gebaut werden soll. „Dabei handelt es sich um ein kleines Häuschen, das wir aus Palletten zusammensetzen wollen. Dort können dann unter anderem Möbel und kleine Elektrogeräte getauscht werden“, so Göbel. Ziel sei es, den Sperrmüll zu verringern, denn der habe während der Corona-Pandemie stark zugenommen. „Wir wollen das Angebot über einen Flyer und Mundpropaganda bekanntmachen. Das ist wieder eine gute Gelegenheit, mit den Anwohnerinnen und Anwohnern persönlich in Kontakt zu treten“, weiß Göbel.

 

 

Vielfältige Vereinsarbeit in Sossenheim

Direkt an Unterliederbach grenzt Sossenheim, ein Stadtteil, der nach wie vor nicht den besten Ruf genießt. Zu Unrecht findet Sybille Genzmehr, Vorsitzende des dortigen Mieterbeirats und für viele die gute Seele der Otto-Brenner-Siedlung. „Sossenheim besitzt eher einen dörflichen Charakter und ist ansonsten geprägt durch sechs große Wohnsiedlungen, in denen viele Menschen mit Migrationshintergrund leben“, beschreibt sie ihren Stadtteil. Dass dieser heute kein sozialer Brennpunkt mehr sei, verdanke er auch der intensiven Arbeit der vielen Vereine, Kirchengemeinden, Jugendhäuser und dem Regionalrat vor Ort. Seit mittlerweile 27 Jahren vertritt Genzmehr den Mieterbeirat, der für seine erfolgreiche Arbeit bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. Anlässlich des Jubiläums zu dessen 25-jährigen Bestehen lud OB Feldmann den Beirat und die Mieterschaft 2019 sogar in den Römer ein.

In der Otto-Brenner-Siedlung, die von der NH betrieben wird, wohnt Genzmehr bereits seit 1977. In den 108 Wohnungen leben heute rund 290 Menschen aus 17 Nationen. „Der Mieterbeirat hat hohen Anteil an der guten Atmosphäre vor Ort“, sagt sie. „Wir bewirken so einiges im Stadtteil, denn viele Menschen feiern mit uns Feste und lassen sich in Fragen rund um Wohnen und Mietrecht beraten.“ Im Innenhof des Gebäudekomplexes in der Otto-Brenner-Straße, wo Mieter- und Jugendbeirat ihren Sitz haben, kämen Kitas, Kindergärten und Grundschulklassen zum Spielen, denn der Bereich sei gut geschützt und mit vielen Spielgeräten ausgestattet.

Schwierige Anfangsbedingungen

Doch nicht immer war das Miteinander unter den Mieterinnen und Mietern so harmonisch wie heute. „1993 taten wir uns zusammen, denn einiges in der Siedlung war nicht zufriedenstellend“, beschreibt Genzmehr die Anfänge des Mieterbeirats. So seien die Leistungen der Handwerker und Kontrollen seitens der NH nicht immer optimal gewesen. Zudem gab es keine Spielgeräte für die Kinder. „Unsere Idee wurde von der Wohnungsgesellschaft nicht gleich mit Begeisterung aufgenommen. Das lag wohl an den schlechten Erfahrungen mit Mietervereinigungen“, schmunzelt sie. Doch die Zusammenarbeit habe sich im Laufe der Jahre zum Positiven geändert. „Heute haben wir durchweg einen sehr guten Draht zu unseren Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern bei der NH“, freut sich Genzmehr.

Erfolgsmodell Jugendbeirat

Zu den zahlreichen Aufgaben des Mieterbeirats gehören regelmäßige Gespräche mit den Mietenden zwecks Problemlösung, der Kontakt zu Gartenbau- und Putzfirmen, aber auch zu Jugendeinrichtungen wie dem OMO, einem kostenlosen Beratungs- und Unterstützungsangebot. Daneben kümmert sich der Beirat um das Müllcoaching sowie neue Sitzbänke und Spielgeräte und prägt damit auch das Erscheinungsbild der Siedlung. Ein weiteres Standbein ist der Jugendbeirat, den Genzmehr ebenfalls vor über 20 Jahren gegründet hat. „Die Idee entstand bei Gesprächen mit unseren Jugendlichen, die nicht wussten, was sie mit sich anfangen sollten“, sagt sie. Inzwischen sei die Institution ein Erfolgsmodell in der Siedlung. „Die Kinder und Jugendlichen fühlen sich für ihr Zuhause mitverantwortlich“, beschreibt Genzmehr die positive Entwicklung. „Sie helfen bei Aufräumaktionen wie denen der kleinen Feger, melden Schäden und haben eigene Ideen zur Verbesserung des Umfelds. Darüber freuen wir uns sehr.“

Besonders stolz ist die 74-Jährige auf die für sie wichtigste Aktion des Mieterbeirats seit seinem Bestehen. So ging 2012 auch von den Mieterinnen und Mietern der Otto-Brenner-Siedlung der erfolgreiche Widerstand gegen den drohenden Verkauf der NH durch das Land Hessen aus. „Wir waren Teil der großen Protestaktion und haben damals eine entsprechende Petition beim Hessischen Landtag eingereicht“, erinnert sich Genzmehr. Auch Oliver Göbel, den sie persönlich kennt, hatte als Bewohnervertreter von Unterliederbach seine guten Kontakte in die Politik spielen lassen, um die Veräußerung abzuwehren. Ja, sogar das kann gute Nachbarschaftsarbeit bewirken.